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To Tokio

«Ich separiere nicht, ich fragmentiere. Wie auf einem Notenblatt ohne Linien. Manchmal drängen sich Noten zu einem Gewimmel zusammen, manchmal lösen sie sich im Raum auf. Ohne Grenzen verschwimmt der Raum.»

Text: Roland Hagenberg | Foto: Martin Holtkamp; Iwan Baan; Felix dol Maillot | Video: Vincent Hecht

Zum Stararchitekten gelangt man über den Aufzug eines Buchbinders.

Rasselnd öffnet sich die Metalltür. Es riecht nach Druckerschwärze. Dann eine steile, schulterschmale Treppe hoch, und wir stehen im Atelier. Konzentriert und gedrängt sitzen die Mitarbeitenden vor Bildschirmen, vertei­digen an kleinen Tischen, was ihnen an Privatsphäre geblieben ist: mit Styroporblöcken, Pappschachteln und Modellteilen. Willkommen in der Architekturwerkstatt von Sou Fujimoto.

Als könne er Gedanken lesen, erklärt der gross gewachsene Japaner gleich bei der Begrüssung, dass «Privatsphäre» ein Konzept der Amerikaner sei. «Unsere traditionellen Bauten kannten keine Barrieren, die Türen waren aus Papier, jeder konnte jeden hören, sehen, fühlen. Sich zurückziehen, sich abkapseln war uns fremd. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg schlich sich das ein.» Wir nehmen Platz vor einem Holzmodell, das bis zur Decke reicht. Eine lebensgrosse, bewohnbare Version davon steht im Tokioter Bezirk Koenji. Von dort wollen wir im Audi Q2 unsere Erkundungstour starten und zukunftsweisende Bauten besuchen. Wie die meisten seiner Kreationen hat Fujimoto auch diesen Bau mit Buchstaben gekennzeichnet – den Initialen des Auftraggebers: House NA. «Der Baugrund war typisch japanisch, ein kleiner Erdfleck im urbanen Wirrwarr», sagt der 46-Jährige. «Die Besitzer, ein junges Ehepaar, lebten zuvor in klar definierten Bereichen: Küche, Vorraum, Wohn- und Tatami-Zimmer. Dem wollten sie entkommen. Kojen und Buchten, lose verbunden, verteilt auf verschiedenen Ebenen – das war meine Lösung.» In den aufgestapelten Glasboxen des House NA können die Bewohner, je nach Laune, das passende Eck finden zum Lesen, Essen, Schlafen, Arbeiten oder Musikhören. Ständig wechseln Nischen, Fluchten und Winkel ihre Funktion, ermöglichen ein transparentes Leben im Fluss, im Transit – so wie Tokio. Dass die Metropole keinen zentralen Stadtkern aufweist, treibt sie erst recht an. Im 38-Millionen-Grossraum ragen gleich mehrere Zentren mit Wolkenkratzern in den Himmel: Shinjuku, Shibuya, Shinagawa, Ikebukuro, Ueno sind einige davon. Ein dichtes Transportsystem verbindet sie, zieht sich durch ein noch dichteres Häusermeer – Häuser aus Holz. Die meisten der zwei- bis dreistöckigen Familienbauten haben eine Lebensspanne von nur 30 bis 40 Jahren. Danach werden sie abgerissen, machen den Weg frei für eine neue Generation. Oft sind die Erben zahlungsunfähig, denn die Erbschaftssteuer ist hoch. Dann verkaufen sie Grundstücksanteile. So werden die Fundamente in Japans Städten immer kleiner und bizarrer. Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn ein zwölfstöckiger Bau nur vier Meter breit ist und in der Länge auch noch spitz ausläuft. Japanische Architekten wachsen mit diesen Herausforderungen auf, müssen ständig Raummangel mit Kreativität wettmachen; was vielleicht erklärt, warum die japanische Gegenwartsarchitektur der letzten Jahrzehnte auch international so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.

Sou Fujimoto, 46

Aufgewachsen ist er im Norden Japans, umgeben von Natur – und wollte Physiker werden. Doch als er sein wahres Talent entdeckte, zog Fujimoto nach Tokio und studierte Architektur. Fujimotos Bewunderung für Einstein ist geblieben, genauso wie die für Bäume. Bäume liefern die Leitthemen seiner futuristischen Bauten: Offenheit, Leichtigkeit, Vielfalt.

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Die Lieblingsthemen von Altmeister Ito sind Freiheit, Kontrolle und Befreiung.

«Natürlich möchte ich, dass meine Gebäude sicher sind, doch Bauvorschriften beengen Kreativität. Unabhängig sein von Normen und Erwartungen ist für mich ein Grundprinzip. Ich will mit meiner Architektur Menschen von Zwängen befreien, ihnen helfen zu entspannen, sie inspirieren.» Über Fujimotos Bauten sagte Toyo Ito einmal, dass sie Gefühle wecken, wie beim Herumklettern in einer Baumkrone. Während Terunobu Fujimori, berühmt für seine Baumhäuser, Fujimoto «K-ohai» nennt – eine lobende Bezeichnung für einen Schüler, der seinem «Senpai», dem Lehrmeister, besonders ergeben ist. Kein Wunder also, wenn der «K-ohai» Fujimoto gern auf den Wald zu sprechen kommt: «Bäume brauchen individuelle Komfortzonen, wollen sich dabei aber nicht abkapseln. Dabei helfen ihnen Äste, Blätter und das Buschwerk. In meiner Architektur ist es ähnlich. Statt Trennung schaffe ich Fragmentierung, wo Grenzen verschwimmen und verbinden.»

Fujimotos dreistöckiges Geschäftsgebäude «Omotesand-o Branches» ist so ein architektonisches Geflecht aus Ästen. Es steht unweit von Toyo Itos Tod’s-Bau in einer kleinen Strasse. Verteilt über die Fassade wachsen Bäume aus Metallrahmen. Die breiten Fassadenverstrebungen symbolisieren Baumstämme. Somit sind die Gebäudeumrisse nicht klar erkennbar, umschliessen einen Raum, der einladend wirkt, schützend und vertraut. Aufgewachsen ist Fujimoto am anderen Ende Japans, auf der nördlichen Insel Hokkaid-o, in unberührter Natur, umgeben von imposanten Bergen. «Erst vor 20 Jahren kam ich nach Tokio – die absolute Gegenwelt. Alles hier ist chaotisch, künstlich und organisch zugleich. Von da an hat sich meine Architektur immer vom Kontrast Stadt-Land inspirieren lassen. Trotz des Wirrwarrs aus Beton, Metall, Glas und Holz spaziere ich durch die Metropole wie durch einen Wald.» Was das bauliche Wuchern Tokios steuert, kann auch Fujimoto nicht sagen, er sieht aber Gesetzmässigkeiten in den Myriaden von Schichten, die die Stadt erhalten. Dazu gehört das Erbschaftsrecht genauso wie die pünktliche U-Bahn, die Erdbebensicherung und die Disziplin, nichts achtlos auf den Gehsteig fallen zu lassen. «Ordnungslose Harmonie» nennt Fujimoto dieses Paradox.

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Auf der südlichen Insel Ky-ush-u demonstriert Fujimoto, dass man sehr wohl abgeschlossen und gleichzeitig nach aussen hin offen leben kann wie im House N.

Wir fahren weiter zu einem Gebilde aus fünf Minihäusern, die aussehen, als hätten sie Kinder beim Spielen übereinandergestapelt.

Jede Einheit besteht aus einem Zimmer, erreichbar über eine Metalltreppe im Freien. Fujimoto hat den Bau diesmal mit mehr als ein paar Buchstaben bedacht, nennt ihn «Tokyo Apartments». Besser und humorvoller hätte man die Lebensdichte der Stadt visuell nicht zum Ausdruck bringen können. Im Durchschnitt wohnen in Tokio 13300 Menschen auf einem Quadratkilometer. In München sind es 4700. Und trotzdem empfinden Japaner ihre Hauptstadt als Dorf, als ein nach aussen gekehrtes Gemeinschaftswohnzimmer. Darin kann man auf und ab flanieren wie im engsten Kreis der Familie, unter Gleichgesinnten, zwischen Game-Centern, Hoch- und Einfamilienhäusern, Internetcafés, minimalistischen Kuben, Acht-Hocker-Bars, Kaufhäusern, Nudelsuppenbuden, unter Bahnbrücken, über Kanäle und in cool gestylten Boutiquen. Wenn dazwischen noch Schreine und Tempel geduldig warten, bestätigt das Tokios Sonderstellung in der modernen Welt des 21. Jahrhunderts: Nach aussen verändert sich ständig alles, doch die inneren, die traditionellen Werte bleiben gleich. Ist es das hungrige Vorwärtsblicken und Ausschauhalten nach dem nie da Gewesenen, verbunden mit einem Nichtloslassen-Können der Herkunft, was die Architektur von morgen bestimmen wird – nicht nur die in Japan?

Passt in keine Schub­lade, aber in die Stell­plätze von Tokios Minihäusern: der Audi Q2, der kompakteste SUV, den Audi an­bietet, ein eigen­ständiger, urbaner Charaktertyp mit ganz neuer, geometrischer Formensprache. In ihm lässt sich Raum entdecken und mit ihm Raum erfahren.

In Shinjuku fahren wir an einem Gebäude vorbei, das nur drei Meter breit ist. «Split Machiya» heisst es – gespaltenes Stadthaus –, eine Kreation des Architektenteams Atelier Bow-Wow. Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kaijima haben es liebevoll für ein Ehepaar konzipiert, als gelte es, in einer beengten Raumstation das Risiko einer Scheidung unter Astronauten einzudämmen. Ein Betonkubus bildet das Untergeschoss, trägt zwei Etagen aus Holz und dient gleichzeitig als Eingangs-, Garderoben- und Klavierraum. Das Mobiliar ist niedrig, damit die Zimmer nicht noch schmaler wirken. Die Treppe, seitlich mit Kupferplatten ausgelegt, reflektiert den Mini­garten, zieht ihn optisch ins Haus und sorgt für weiches Licht. Unter den Stufen versteckt sich die Toilette. Ihr Eingang ist clever getarnt – als Kleiderschrank. Auch Humor kann Leichtigkeit vermitteln, nicht nur Materialien.

«Meine Ausbildung an der Universität begann mit den europäischen Meistern.»

Le Corbusier und Mies van der Rohe bildeten die Grundlage für die spätere Entwicklung meiner eigenen Architektur», sagt Fujimoto. «Danach tastete ich mich vor zur Gegenwart. Fantastisch, wie Kenz-o Tange – von ihm sind die markanten Tokioter Rathaustürme – mit traditionellem Design die japanische Moderne definierte.» Zu Fujimotos Vorbildern gehört auch Ry-ue Nishizawa, der Partner von Kazuyo Sejima. Gemeinsam betreiben sie das Architekturbüro SANAA. «Für mich ist das Furoshiki der Inbegriff japanischer Funktionalität und Ästhetik – und ein Symbol meiner Bauweise», sagt Nishizawa. Das Furoshiki sieht aus wie ein Taschentuch, bedeutet aber Badetuch. Wenn sich Japaner der Nara-Epoche vor gut 1200 Jahren in Heissbädern entspannten, verpackten sie ihre Kleidung im Furoshiki. Das Stück Stoff hat weder Griff, Knöpfe, Seitenfächer noch Reissverschluss und dient bis heute als Universal-Tragetasche oder als Verpackung für Geschenke und Lunchboxen. «Ein genial reduziertes, multifunktionales Objekt. Allerdings nur, wenn die Textilenden verknotet werden», wie uns Nishizawa erklärt. «Meine Architektur funktioniert ähnlich. Wände und Dächer sind wichtig, aber die Essenz meiner Bauweise lebt in den Verbindungen, dort, wo sich zum Beispiel Wohnraum mit der Natur und der Welt draussen vereint.» Um uns das anzuschauen, fahren wir nach Hatch-obori, hinter dem eleganten Ginza-Viertel, wo Nishizawa in einer Hochhauslücke «Garden and House» errichtet hat. Fünf Stockwerke aus Beton – um eine Wendeltreppe gruppiert. Vier Meter breit, acht lang. Zwischen Bürotürmen eingekeilt. Die Terrassen durchlöchert und mit riesigen Topfpflanzen beladen. Die Wände aus Glas. Dahinter wohnen zwei Schriftstellerinnen.

«DIE ZUKUNFT DER ARCHITEKTUR IST ARCHAISCH.»

Aber machen japanische Raumkonzepte, auch futuristische, ausserhalb des Inselreichs Sinn? «Für mein Projekt ‹Mille Arbres› bin ich derzeit alle paar Wochen in Paris und habe festgestellt, dass die Stadt viel mit Tokio gemeinsam hat», sagt Fujimoto. «Es gibt die breiten Boulevards und dahinter enge, verworrene Strassen. Die japanische Küche schmeckt auch in Paris, und französische Küche ist auch in Japan gut, wenn nicht sogar besser!» Fujimoto lacht und hebt eine Espressotasse bedeutungsvoll hoch. «Hier beginnt das Spiel der Proportionen und der Harmonie. Der Tisch muss zu ihr passen. Dann der Raum. Danach die Strasse und das gegenüberliegende Haus mit der zierlichen Fassade, die wiederum zum mächtigen Wohnblock überleitet. Das setzt sich immer weiter fort. Vielleicht bald bis zu einem Flughafen auf dem Mond. Egal, welche Konzepte wir für die Zukunft entwickeln, wenn die Proportionen nicht stimmen, versagt der Bau. Selbst wenn wir uns abschotten, zurückziehen, isolieren und das architektonisch unterstützen.» Und dann erinnert sich Fujimoto an die Zeit, als er in Hokkaid-o ein Krankenhaus für behinderte Kinder baute. «Mir fiel auf, dass sie Nischen brauchen, in die sie sich zurückziehen können, wenn sie Probleme haben; aber so, dass sie vom Versteck aus die Welt draussen verfolgen können. Das gilt eigentlich für alle Menschen, nur geben es Erwachsene nicht gern zu.»